Peter Handke — „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“

Von Peter Handke

Verlag: Suhrkamp (Frankfurt am Main 1997)

In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus ist eine Abenteuer- und Liebesgeschichte. Der ‚Held‘ des Romans ist der Apotheker von Taxham – einer kleinen unzugänglichen Ortschaft in der Nähe von Salzburg.

Eines Nachts, der Apotheker ist auf dem Weg zu seiner Stammwirtschaft, einem Erdkellerrestaurant unweit des Salzburger Flughafens, trifft ihn ein Schlag auf den Kopf, in diesem Moment verliert der Apotheker seine Sprache.

Nichtsdestotrotz gabelt er im Erdkellerrestaurant einen ehemaligen Skifahrer und einen abgehalfterten Dichter auf und macht sich in deren Begleitung auf nach Spanien.

Die anschließende Reise wird zu einem Sinnbild der Suche nach Abenteuer, Liebe und Erlösung. Am Ende des Romans findet der Apotheker seine Sprache wieder und kann dem Schreiber seine Geschichte diktieren.

Inhalt

Ort der Handlung ist Taxham, eine real existierende Neugründung aus der Nachkriegszeit, unweit von Salzburg gelegen, wobei der gesichtslose Ortsflecken zwischen einem Flughafen und einer Autobahnausfahrt liegt.

In diesem Zwickel zwischen den Verkehrsnetzen ist man paradoxerweise von aller Welt abgeschnitten. Wie in Taxham allgemein üblich, wohnt der Apotheker nicht an seinem Arbeitsort, sondern außerhalb. Sein Leben verläuft kontinuierlich in einem Dreieck zwischen seinem Haus, der Apotheke und dem nahe gelegenen Flughafen, wo er regelmäßig zu Abend isst.

Die Geschichte spielt im Sommer, der Apotheker geht in Taxham seiner Arbeit nach, seine Freizeit verbringt er meist in der Natur, vor allem im Wald. Mit seiner Frau, ebenfalls einer Apothekerin, wohnt er zwar noch unter einem Dach, aber jeder geht seine eigenen Wege, beide leben zeitverschoben nebeneinander her.

An einem dunklen Sommerabend – die Frau ist in der Ferne im Sommerurlaub, die Tochter verreist, der Sohn sowieso schon seit längerem verschollen – macht sich die Hauptfigur des Romans mit dem Auto zum „Erdkellerrestaurant“ hinter dem Flughafen auf. Der Apotheker hält an einem Wäldchen und steigt aus, aus heiterem Himmel trifft ihn ein Schlag auf den Kopf – man erfährt nicht genau von wem und warum. Von diesem Moment an verliert der Apotheker die Sprache, er wird stumm.

Daraufhin entfernt sich der Apotheker zeitgleich aus seinem realen Umfeld, die Reise in ein Traumland – die Geschichte in der Geschichte – beginnt.

Im nahegelegenen Erdkellerlokal trifft er auf zwei skurrile Gestalten, einen ausgedienten Dichter und einen ehemaligen Skirennläufer, in deren Begleitung er sich mit dem Auto in die Ferne aufmacht. Mit ihnen fährt er über die Alpen in ein geographisch nicht mehr festzulegendes Fantasieland, das jedoch der Beschreibung nach Spanien ähnelt. Die drei Männer treffen in diesem Raum auf Figuren ihrer Lebensgeschichte, z. B. auf Geliebte und Kinder. Die Reise wird mit der Zeit für den Apotheker zu einer Suche nach sich selbst und nach seinem Platz im Leben. Bei der Suche helfen ihm sowohl seine beiden Reisegefährten als auch die ‚Siegerin‘, in die er sich im Verlauf des Buchs verliebt.

Irgendwann lässt der Apotheker seine Begleiter hinter sich und wandert ziellos durch eine Steppe, nun allein mit Pflanzen, Tieren und Resten menschlicher Behausung. Seine Steppenwanderung wird zur Grenzerfahrung, die ihn aber letztendlich wieder seinen Platz im Leben finden lässt. In der Steppe begegnet er auch seinem von ihm verstoßener Sohn, der bereit ist, ihm zu vergeben: „Du hast mich nicht verstoßen, Vater. Ich bin es, der von dir weggegangen ist, von sich aus. Ich habe dich verlassen, für immer. Und so hast du es ja auch gewollt.“ .

Auch die ‚Siegerin‘ erscheint ihm in der Steppe. Am Ende seines Ganges durch die Steppe fährt er mit der ‚Siegerin‘ in einem Autobus nach Taxham zurück. Wieder in Taxham – es ist inzwischen Herbst – findet er alles beim Alten. Nun gewinnt er seine Sprache zurück. Er bittet die Frau, zu bleiben, doch sie sagt, dass es zu spät sei, und verabschiedet sich von ihm.

Nach der Exkursion in die Steppe ist der Entwicklungsprozess der Hauptfigur abgeschlossen – durch die Reise hat er zu sich selbst gefunden.

An den Ausgangspunkt des Romans, den Ort Taxham, zurückgekehrt, werden sowohl äußerliche als auch innerliche Veränderungen beim Apotheker sichtbar. Von dem unscheinbaren Apotheker am Anfang des Romans, den niemand auf der Straße erkennt, scheint wenig übrig geblieben zu sein. Plötzlich wird er auf der Straße von jedermann erkannt, wo er doch zuvor von den Leuten gar nicht wahrgenommen wurde. Auch sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen hat sich geändert, wie er später in der Apotheke dem Erzähler berichtet: „Ihm zuzusehen wärmte mich. Auch wenn er in seiner Arbeit allein blieb, war zu spüren, er tat sie für jemanden, für andere. Und diese abwesenden andern waren alle seine Angehörigen.“

Der Roman schließt mit dem Epilog, in dem der Apotheker während eines Notdienstes im Winter dem Schreiber seine Geschichte erzählt. Auf die Frage, ob das Abenteuer ihn verändert habe, meint der Apotheker nur lakonisch, er habe durch das viele Laufen durch die Steppe lediglich größere Füße bekommen.

Das Hauptthema des Romans, um das sich sämtliche Motive der Handlung zentrieren, ist der Alltag des Apothekers und die Kunst, in diesem Alltag existieren zu können. Dieser Alltag – die erdrückende Enge des Ortes Taxham und die widrigen familiären Gegebenheiten – muss vom Apotheker täglich aufs Neue gemeistert werden, er muss sich als ‚Held des Alltags‘ beweisen, muss in den Lebensformen seiner Umgebung pausenlos funktionieren. Dabei ist er längst aus der Rolle gefallen, sein Dasein ist nur noch Simulation der Normalität, er fühlt sich nicht mehr am Platz.

Alltag, Am-Platz-Sein, Abenteuer – um diese Themen kreist der gesamte Roman.

Dabei ist der Alltag für den Apotheker längst zum Abenteuer geworden, an einer Stelle bemerkt er etwa, dass ihm allmorgendlich sei, als breche er auf und die Reise gehe um eine Station weiter. Das eigentliche Abenteuer beginnt dann jedoch mit dem Schlag auf den Kopf, woraufhin die Reise ins Fantasieland startet.

Immer wieder drängt sich dem Leser der Eindruck auf, dass die Reise des Apothekers nur in seiner Einbildung stattfindet und auch seine Reisegefährten nur Teile seiner selbst sind, die sich im Laufe des Romans verselbständigen.

Den Zusammenhang zwischen den Erfahrungen des Apothekers und dem Leser herzu­stellen, das liegt also am Leser selbst. Vermittelnde Instanz ist hierbei der Erzähler, dem der Apotheker seine Geschichte weitergibt. Der Apotheker offenbart dem Schreiber hierbei nicht alles, mehrmals lässt er Ereignisse „in der Schwebe“. Der Erzähler erweist sich so als Erfüllungsgehilfe des Apothekers, als Aufschreiber, Fragensteller und Mit-Erzähler.

Handke bedient sich in seinem Roman der Rahmenhandlung. Den äußeren Rahmen bildet der Notdienst im Winter, in dem der Apotheker dem Erzähler seine Geschichte schildert; in diesem Rahmen findet dann nochmals eine eigene Geschichte statt, nämlich die Reise ins Märchenland. Handkes Roman liest sich wie ein Abenteuerroman, weiter wie eine Liebesgeschichte sowie wie ein Entwicklungsroman mit stark fantastischen Zügen. Der Ritterroman dient denn auch Handke als literarisches Vorbild für die Reise des Apothekers ins Fantasieland; denn das allen Artusromanen zugrundeliegende Handlungsschema zeigt einen Ritter, der seine Heimat verlässt und sich in die Fremde aufmacht, um sich in vielerlei Gefahren und Abenteuern – Kämpfen, Liebeswirren, Gespräch mit Einsiedlern, Begegnung mit skurrilen Erscheinungen, Beobachtung der Natur – zu läutern und die Welt zu erfahren. Dieses Schema lässt sich auch in Handkes Roman unschwer erkennen. Auf der abenteuerlichen Reise wird der Selbstfindungsprozess eines Menschen dargestellt, der sich in der heutigen Zeit verloren hat.

Den Gang des Apothekers durch die Steppe darf man als Höhepunkt des Romans betrachten: Die Steppe ist kein zufällig gewählter Ort, sondern ein radikal besonderer Ort, nicht nur Ort, vielmehr höchste Bedeutung des Ortes. Gebeutelt von Schuld und Lebensverzweiflung und befallen von der Sehnsucht, sich selbst zu entwurzeln, entdeckt der Apotheker eine neue geheimnisvolle Welt, die zum Verweilen einlädt. Im Anblick der Natur lernt er das Staunen, er ist im übertragenen Sinne unterwegs zu den Landschaften der Kindheit und Vergangenheit. So stellt das Wandern eine Form der Ich- und der Vergangenheitsbewältigung dar, er wird konfrontiert mit der Schuld, seinen Sohn verstoßen zu haben. Bilder der Vergangenheit, seiner Angehörigen, Gestorbene, treten ihm vor Augen. Allein mit sich selbst, ist so eine höchste Form der Selbsterfahrung möglich, weg vom Menschen, nur durch das intensive Naturerlebnis. Er geht immer weiter, das Ziel, die Erlösung zu finden, vor Augen, er erlebt mystische Momente. An dieser Stelle kulminiert auch die den ganzen Roman durchziehende Spannung zwischen Gehen und Bleiben, Unterwegs- und Am-Ort-Sein. Die Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit der Existenz des Apothekers werden hier besonders deutlich, die neu gewonnene geistige Erfahrung der Reise kann er dann zu Hause umsetzen oder auch nicht. Der Weg ist hierbei schon das Ziel, der Weggang eine vorweggenommene Heimkehr, als ein anderer wird er wiederkommen. Der Kampf auf dem Weg durch die Steppe geht gegen sich selbst, der Gang durch die Steppe wird ein Weg der Selbstbegegnung, die Erfahrung der Freiheit wird gemacht. Durch das Alleinsein in der Steppe werden seine Sinne geschärft, er erlebt transzendente Momente. Ungeduld und Ruhelosigkeit treiben ihn vorwärts, später sucht er nichts mehr und erfährt dies als Freiheit. Bei den Beschreibungen der Steppe erlebt man Handke als einen präzisen, lyrischen Erzähler, die detaillierten Naturbeschreibungen spiegeln einmal mehr die Einsamkeit, Verlorenheit und Schwermut des Apothekers. Er trägt seine Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht in die Steppe zu einem Verwandlungsort, wo er gleichsam ein anderer wird. Dann ist er frei, auch vom Suchzwang, empfänglich für die Vision einer schönen Frau, die ihn zu neuer Sprache bringt, zurück zur Stadt, zur Heimkehr.

Sicher nicht nur einen Pharmazeuten beeindrucken die intensiven Naturbeschreibungen, sie haben einen ganz eigenen Zauber, die Stimmung der Schwermut ist jedoch vorherrschend. Die Schilderung der spätsommerlichen, verblühten Steppe lässt sich gut nachvollziehen; fast schon kann man die ‚Essenz‘ von verblühtem Lavendel, Anis, Kamille, die Handke darstellt, riechen. Der Apotheker macht Begegnungen mit Tieren, Pflanzen, Pilzen, beobachtet den Sternenhimmel und den Sonnenaufgang am Morgen, er lässt diese Mystik und Faszination der Natur auf sich einwirken, atmet sie ein. Auch der Leser erhält einen Eindruck der Stille, Versunkenheit und Romantik der Steppe.

Die Präzision der Naturbeschreibung Handkes bewirkt eine fast schon erzählerische Vermessung der Natur. Man erlebt ein Hinein-Horchen in die Landschaft, die Dinge verwandeln sich zu beseelten magischen Objekten, die ein Eigenleben entwickeln. Durch dieses sprachmagische Erzählen rücken die Gegenstände in ein neues Licht, in dem sie von sich aus zu strahlen beginnen. Hinter dem spannenden Erzählrahmen der Geschichte verbirgt sich eine Innenweltstruktur mit philosophischem Hintergrund, der sich aus dem Erzählrahmen emanzipiert. Die Handlung der Geschichte ist modellhaft vervielfältigt, der Großgeschichte angepasst, es ist also keine zusammenhängende Geschichte.

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