Ebbe und Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus

Von Luisa Stömer und Eva Wünsch

Verlag: GRÄFE UND UNZER

„Je länger man sich mit diesem Thema beschäftigt, desto wütender könnte man werden über die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte, den Kindern nicht nur Smartwatches und die Postzustellung durch Drohnen zu erklären, sondern den Uterus, aus dem sie kamen…“ – Diese Aussage der beiden „Autorinnen“ könnte man getrost unterschreiben, würde dieses Buch nicht aus der Feder von zwei völlig fachfremden Autorinnen stammen, die in selbigem Buch aufgeschnappte Halbwahrheiten und auch gänzliche Falschinformationen frei von der Leber wegschreiben – und damit sowohl ihren eigenen „Anspruch“ als auch das Anliegen einer seriösen Aufklärung völlig ad absurdum führten.

Denn wenn im lockeren Plauderton und mit viel Effekthascherei Halbwahrheiten und Unwahrheiten verbreitet werden, wird das Bedürfnis der Mädchen und Frauen nach Aufklärung nicht ernst genommen und man ist überdies weit entfernt davon, das Thema „Menstruation“ endlich aus der Tabuzone zu holen.

Wenn die „Autorinnen“ etwa behaupten „Doch wir sind nicht allein mit der Menopause – auch die meisten Tierweibchen machen diese Entwicklung durch“ – so kann ich über eine solche Aussage vielleicht noch herzhaft lachen – und frage mich indes dabei doch, wo da das Grundverständnis für Biologie bleibt, denn Wechseljahre würden im Tierreich gänzlich überhaupt keinen Sinn machen. So bleiben Tiere Zeit ihres Lebens fruchtbar, Ausnahmen wurden bislang nur bei bestimmten Walarten, Elefanten und Gorillas beobachtet. Dass andererseits z. B. Hündinnen bis ans Lebensende fruchtbar sind, weiß jeder, der selbst eine Hündin besitzt oder aber jemand kennt, der eine Hündin als Haustier hat.

Wenn man das Buch indes weiterliest, verschlägt es einem nicht nur das Lachen, sondern auch gänzlich die Sprache – Wenn dort etwa Bilsenkraut als Heilkraut empfohlen wird, das als „Massageöl eingesetzt wird“, erkennt man, mit welcher Leichtfertigkeit, Unkenntnis und Gewissenlosigkeit mit der Gesundheit, ja selbst mit dem Leben der Leserinnen, gespielt wird. So ist Bilsenkraut nicht in erster Linie ein „Heilkraut“, sondern eine Giftpflanze, die heutzutage überhaupt nicht mehr als Heilpflanze eingesetzt wird – außer in homöopathischer Aufarbeitung. So wird Bilsenkraut aufgrund seiner hohen Giftigkeit sowie der engen therapeutischen Breite heute nicht mehr therapeutisch verwendet.

Auf dem Markt ist lediglich nur noch selten ein mit sehr geringen Mengen Bilsenkrautblättern versetztes Erdnussöl erhältlich, das jedoch nicht als Arzneimittel zugelassen ist und wegen seines geringen Gehalts an Bilsenkraut nur mehr als Massageöl zur Behandlung von Narben eingesetzt wird.

Von eigenen Versuchen mit der Pflanze ist jedoch dringend abzuraten, eine „betäubende und muskelrelaxierende“ Wirkung – wie diese in dem Buch propagiert wird – ist nur mit hohen Dosen Bilsenkraut möglich. Solche hohen Dosen wirken jedoch nicht nur betäubend und muskelrelaxierend, sondern sie führen gleichzeitig zu Halluzinationen, weiter zu psychomotorischer Unruhe, Gleichgewichtsstörungen, Verwirrtheitszuständen und Tobsuchtsanfällen, die sich mit Bewusstseinstrübungen abwechseln. Die Halluzinationen gehen bei hohen Dosen in ein Delirium über. Typisch sind weiter völlige Orientierungslosigkeit, Gedächtnisverlust und Bewusstlosigkeit.

Weiter kommt es zu fortschreitender Atemlähmung und zum Abfall der Körpertemperatur, selten kommt es zum Koma und zum Tod durch Atemlähmung.

Bilsenkraut bzw. Bilsenkrautöl war im Mittelalter übrigens ein wichtiger Bestandteil der aphrodisierend wirkenden Hexensalben – nach einem solchen himmlischen Trip gab es allerdings häufig keine Rückfahrkarte mehr zurück ins Leben.

Eine weitere Giftpflanze, die im Ton größter Selbstverständlichkeit empfohlen wird, ist das Greiskraut, das angeblich „als Zäpfchen verabreicht“ wird und „krampf- und blutstillend“ wirkt. Wie eine solch gefährliche und zudem komplett absurde Aussage getroffen werden kann, ist mir indes völlig unverständlich. In Deutschland gibt es ungefähr 25 Greiskrautarten, von denen das Jakobs-Kreuzkraut (lat. Senecio jacobaea) die bekannteste sein dürfte. Alle Greiskrautarten enthalten die stark giftigen Pyrrolizidin-Alkaloide, welche Leberschäden, Leberkrebs und Veränderungen im Erbgut verursachen können. Während die „Autorinnen“ diese Pflanze als Heilpflanze empfehlen, ist es in Wirklichkeit so, dass zahlreiche Pferde und Rinder nach Genuss des Jakobs-Kreuzkrautes das Zeitliche gesegnet hatten und Landwirte vor immer größer werdenden Herausforderungen stehen, das Kreuzkraut von Grasflächen zu entfernen, die der Heugewinnung dienen.

Weiterhin wird in dem „Buch“ das Greiskraut in Form einer Paste empfohlen, die auch krampflösend wirken soll. In Form einer Paste, die man auf die Haut aufträgt, kommt die giftige Wirkung des Greiskrauts natürlich weniger zum Tragen. Eine krampflösende Wirkung auf den Körper ist aber ebenfalls nicht zu erwarten – hier wären Kenntnisse der Grundlagen der Galenik (Lehre von der Zubereitung und Herstellung von Arzneimitteln) hilfreich, die aber bei fachfremden Autorinnen freilich nicht zu erwarten sind.

Neben Giftpflanzen, die als „natürliche Helfer“ – so der O-Ton des Buchs – den Zyklus unterstützen sollen, werden auch zahlreiche für diese Indikation völlig wirkungslose Heilpflanzen genannt, wie etwa die Eberraute (lat. Artemisia abrotanum), die Blutwurz (lat. Potentilla erecta), Holunder (lat. Sambucus nigra) und Majoran (lat. Origanum majorana). Auch Beifuß (lat. Artemisia vulgaris) lenkt den „Zyklus nicht in regelmäßige Bahnen“, – wie im Buch geschrieben – sondern sollte wegen des Gehalts an Thujon nicht regelmäßig und auch nicht in hohen Dosen eingenommen werden.

Weiter wird etwa auch die Einnahme von Soja unkritisch empfohlen – es wird lediglich geraten, Soja nur aus gentechnikfreier Herstellung zu verwenden. Dass die Datenlage bzgl. der Einnahme von Sojapräparaten zurzeit unsicher ist und eine endgültige Beurteilung noch aussteht, wird indes mit keinem Wort erwähnt.

Bei der Beschreibung der Hygieneartikel wird bspw. die „Produktion von Menstruationsschwämmen als naturnah und nachhaltig“ beschrieben. Eine solche Aussage könnte vielleicht einem Werbeprospekt für Menstruationsschwämme entnommen sein – hat aber mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Denn zum einen ist der Schwamm nicht pflanzlichen Ursprungs, wie oft suggeriert wird, sondern die Schwämme werden aus Tieren, den Hornkieselschwämmen, hergestellt. Diese Tiere leben im Mittelmeer, dem Atlantischen und dem Indischen Ozean. Werden sie vom Meeresboden hochgeholt, leben sie in der Regel noch. An der Luft sterben sie ab – zum Schwamm wird das Tier erst, wenn es weiter behandelt wird. Durch Auspressen, Drücken, Waschen und anschließendes Trocknen an der Luft zersetzen sich die Zellen, das weiche Gewebe wird entfernt, übrig bleibt nur das Skelett des Tieres, das nun nochmals getrocknet wird. Der Menstruationsschwamm ist also nichts anderes als das vom Weichkörper befreite Skelett des Hornkieselschwamms.

Für Vegetarierinnen und Veganerinnen stellen Menstruationsschwämme also ohnehin eine fragwürdige Angelegenheit dar – die Vorstellung ein Tierskelett in sich zu tragen, wird aber evtl. auch von Nicht-Vegetarierinnen als nicht besonders verlockend angesehen.

Weiter gilt es zu bedenken, dass die Schwämme oft mit riesigen Netzen vom Meeresboden heraufgeholt werden, wodurch unter anderem auch große Teile der Korallenriffe zerstört werden. Alternativ werden die Schwämme nicht durch riesige Netze, sondern durch Taucher „gepflückt“, welche die Schwämme einzeln und damit umweltschonender an Land holen. Diese Methode wird vor allem in armen Ländern praktiziert – meist tauchen Kinder, die wendiger und außerdem billiger sind, nach den Schwämmen. Die genauen Umstände, unter denen die Kinder arbeiten, sind indes nicht bekannt.

Auch ist der Meeresboden angereichert mit riesigen Mengen an Giftstoffen, welche die Menschen ins Meer leiten – dass diese Giftstoffe auch in den Schwämmen enthalten sind, braucht nicht weiter erklärt zu werden.

An dieser Stelle habe ich dann aufgehört, das „Buch“ zu lesen – was aber nicht heißen soll, dass nicht auch der Rest des Buchs mit Halbwahrheiten und falschen Aussagen gespickt wäre. Eine weitere Aufzählung der Auswüchse dieses „Buchs“ erspare ich Ihnen und mir aber an dieser Stelle.

Fazit: Das Buch „Ebbe und Blut“ enthält zahlreiche gravierende fachliche Fehler, die der Leserin beim Umsetzen der Vorschläge das Leben kosten könnten. Das Buch ist – zumindest meines Erachtens nach – ohne jegliche oder zumindest ohne ausreichende Recherche entstanden.

Was aber noch schlimmer ist und bei jedem Kapitel deutlich wird, ist die Tatsache, dass es den Autorinnen gänzlich am notwendigen Wissen fehlt, um ein Buch dieser Thematik zu veröffentlichen. Den Autorinnen fehlt es jedoch nicht nur an Wissen, sondern auch am kritischen Urteilsvermögen und an der Fähigkeit zur kritischen Reflexion. Stattdessen werden hier alte Klischees rund um die Menstruation bedient und aufrechterhalten.

Das Buch der Autorinnen Eva Wünsch und Luisa Stömer – es handelt sich um zwei Grafikerinnen – ist im GU-Verlag veröffentlicht. Auf seiner Homepage lobt der GU-Verlag, dass das Buch Ebbe und Blut „mit viel Fachwissen“ geschrieben sei. Woher dieses Fachwissen allerdings stammen soll, ist unklar und nicht nachvollziehbar – auch spricht der Inhalt des Buchs leider eine andere Sprache. Ferner weist der GU-Verlag stolz darauf hin, dass die beiden Autorinnen „kein Blatt vor den Mund nehmen“ – hier kann ich nur sagen, dass sie das besser getan hätten… Denn wie so oft im Leben gilt gerade hier das Sprichwort, dass Reden Silber ist, aber Schweigen Gold…

Liest man weiter die vollmundigen Versprechen des GU-Verlags, so lobt der Verlag sich selbst, dass „sein Buchprogramm auf höchstem Niveau“ sei. Eine Qualitätsgarantie soll weiter sicherstellen, dass „unsere Autoren Fachexperten mit Praxiserfahrung sind“, weiter „dass alle Anleitungen mehrfach geprüft sind und für sicheres Gelingen sorgen“.

Gerade dieses Buch der beiden „Fachexpertinnen“ – die natürlich keine sind – zeigt jedoch einmal mehr, dass solche Versprechen oftmals nicht mehr als Lippenbekenntnisse und bloße Makulatur sind.

Abschließend sei mir noch ein Wort zum „Fachlektorat“ gestattet. Das „Lektorat“ für das besprochene Buch wurde – so steht es zumindest im Abspann des Buchs – von der Ärztin Dr. med. Sibylle Tönjes durchgeführt. Die promovierte Ärztin nennt auf ihrer Homepage zahlreiche Fach- und Sachbücher, für die sie das medizinische Lektorat übernommen hat. Betrachtet man allerdings die Fülle der teils gravierenden fachlichen Fehler im Buch „Ebbe und Blut“, so fragt man sich berechtigterweise, was ein solches medizinisches Lektorat wert ist bzw. was für ein Zweck ein solches Lektorat überhaupt haben soll.