An der Nordsee - Cuxhaven - Foto: pixabay.com GNU

Grundeinkommen oder eigene Kraft? – Teil 1

„Ich habe die letzten zwanzig Jahre meines Lebens verloren, oder vielmehr weggeworfen. Wie Sand sind mir die Jahre zwischen den Fingern zerronnen. – Unwiederbringlich.“ Während die Freundin dies sagt, fühle ich ihren Schmerz, als sei es mein eigener Schmerz, der sich da in mein Herz bohrt.

Zugleich spüre ich, erstaunt oder gar erschrocken, die schonungslose Ehrlichkeit der Freundin. Wie selten sind wir aufrichtig, uns selbst gegenüber, gerade in dieser Zeit, in der die meisten Menschen ihre Fehler, ihr Versagen, beschönigen und beschwichtigen wollen. Irgendwann im Leben kommt aber der Zeitpunkt, wo es nichts mehr zu beschönigen gibt – so wie es nichts mehr zu verlieren gibt und nichts mehr zu gewinnen.

Fieberhaft überlege ich, im gleichen Moment, wie ich meiner Freundin helfen könne, gleichwohl sich mir die Frage stellt, ob es überhaupt Hilfe gibt, in ihrer Situation, ob es hier überhaupt Hilfe geben kann.

„Zwanzig Jahre.“ fährt sie fort „Jedes Jahr habe ich gedacht, nächstes Jahr kann ich wieder arbeiten, nächstes Jahr werde ich stark genug sein. Als es dann aber soweit war, sich das alte Jahr neigte, hatte ich jedes Mal keine Kraft gehabt. Und nicht nur keine Kraft hatte ich, sondern auch Angst hatte ich. Angst wovor? Angst, dass ich der Arbeit in der Apotheke nicht mehr gewachsen sei, nach all den Jahren, dass ich scheitern würde.“

„Auch ich hatte Angst gehabt.“ erwidere ich „damals und auch später.“ „Weißt Du noch wie der Apothekenchef auf mich losgegangen ist, mit beiden Fäusten? Als ich ihm sagte, ich wolle die uralten Geschichten, sein privates Fiasko, nicht mehr hören.“ Als er auf mich losging, da rannte ich blitzschnell und geistesgegenwärtig aus der Apotheke, die Stufen hoch zur internistischen Praxis. Der Chef hechtete mir nach, ich schloss die Tür zur Praxis, er trommelte gegen die Tür, aber man gewährte ihm keinen Einlass.

„Ja, auch Du hast Angst gehabt.“ sagt meine Freundin „Aber Du hast auch Kraft gehabt. Du hast Kraft gehabt, wie zehn Mann und konntest arbeiten wie ein Elefant. Ich selbst habe, schon damals, keine Kraft mehr gehabt.“

Ich weiß nicht, ob ich Kraft gehabt hatte, aber ich wusste, oder besser gesagt, ich fühlte instinktiv, dass ich nach dieser Episode in der Apotheke auf die Reise gehen müsste, weit weg von Zuhause. Von der Sicherheit des „heimischen Ofens“ musste ich weg, mich in der Ferne beweisen, mich von den Ereignissen in der Ferne prägen und formen lassen.

Also brach ich auf, an einem bitter kalten Januartag, gen Norden. Meine Mutter stand am Auto, und weinte. Auch mir fiel der Abschied nicht leicht. „Mama ich komme doch wieder – ich werde immer wieder kommen.“

Das Herz war schwer, doch irgendwann, auf der Autobahn vor Bremen, wurde es leichter. Die eben noch hügelige Landschaft war nun eben, der Verkehr lichtete sich, meine Tränen waren getrocknet…

An der Nordsee – Cuxhaven – Foto: pixabay.com GNU
am Meer in Cuxhaven – eigenes Foto

Die Freude auf den Neuanfang war stärker als die Ungewissheit dessen, was mich erwartete…

An der Nordsee – Cuxhaven – Foto: pixabay.com GNU

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