L’enfer d’Ogy – Die Hölle von Ogy

Noch jetzt fühle ich Unbehagen, noch immer fühle ich das Schaudern, lange Zeit später, während ich diese Zeilen niederschreibe, während ich meine Seele wieder den Schrecken der Vergangenheit öffne und die Angst ein zweites Mal spüre, mich dieser gleichsam erneut hingebe.

In dem Moment – als wir nach wochenlangen Auseinandersetzungen, mit den belgischen Behörden – doch unsere Esel abholen konnten, war es mir, als hätte man mir einen Mühlstein vom Hals genommen. Die zentnerschwere Last, die seit Wochen auf meiner Seele lag, fiel mit einem Schlag von mir ab. Ich konnte mit einem Mal wieder frei atmen, als wir die Höfe von Ogy hinter uns ließen und auf die Route Nationale Richtung Brüssel abbogen.

Es war mir, als wäre Belgien ganz weit weg, kein Ort, an dem Gesetze noch Bestand haben oder noch irgendeine Form der Zivilisation herrscht. Und schon gar nicht mehr das, was man gemeinhin als Moral oder Sitte bezeichnet.

Harrie und Achiel nach Ankunft in Deutschland nach ihrer Odyssee noch im vernachlässigten, ungesundem Zustand – als Erstes gabe es gutes Futter, Einstreu und Decken gegen die Kälte im Februar

Achiel leidet, wie wir heute wissen, an Eselasthma – die Folge einer unbehandelten Lungenentzündung und von miserablen Haltungsbedingungen in den letzten 24 Monaten. Ausserdem waren seine Zähne dringend behandlungsbedürftig – auch die Leber ist mit betroffen.

Harrie hat auch unter den Folgen der schlechten Haltung zu leiden. Über 2 Jahre ungepflegte Hufe und das schlechte Futter haben sich auf seine Lebensfreude und seine Leber negativ ausgewirkt.

Der Transporter mit Harrie und Achiel – unseren beiden Eseln – fährt langsam vor uns her, ich habe die Tiere fest im Blick, die ich für alle Zeiten von der Grausamkeit und der Qual von Ogy sicher wähnen möchte.

Vor wenigen Momenten noch standen wir in der Hofeinfahrt von Pascal Delcourt, ich wagte es nicht, einen Blick in den Höllenstall oder in einen anderen Winkel dieses gottverdammten Ortes zu werfen. „J‘ai besoin des passeports d‘ậnes – ich brauche die Pässe der Esel“ sagte ich zu Delcourt, der erst zögert, mir dann die beiden Pässe aber doch aushändigt, als ich ihm versichere, dass der Transporter in wenigen Minuten vor Ort sei. Unruhig fiel mein Blick immer wieder auf die lang gezogene Landstraße von Ogy, als ich nach gefühlten Ewigkeiten – in Wahrheit waren es nur wenige Minuten – endlich den Transporter sichtete, ganz am Ende des Weges.

Delcourt winkt den Transporteur in den Hof, dieser lenkt den Wagen mit der Routine des Berufsfahrers in wenigen Sekunden in die schmale Einfahrt. Wir begrüßen uns per Handschlag, der Transporteur, mein Mann und ich, dieser reicht auch Delcourt die Hand, der, statt sich vorzustellen, lediglich ein „Bonjour“ über die Lippen bringt. Kein Wunder, der „Folterknecht von Ogy“ – „le tortionnaire d’Ogy“, wie man ihn auch nennt – gibt seinen Namen nicht preis, bleibt stumm. Die Selbstverständlichkeit, in der wir anderen unsere Namen nennen, uns begrüßen, uns in die Augen sehen, bleibt ihm verwehrt. Das ist der Preis, den „Menschen“ zahlen, die ihre Werte – so sie jemals welche hatten – der Gier nach Geld geopfert haben, „Menschen“ also, die schon lange den Boden der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze verlassen haben.

Auf einmal stehen sie da, die Esel, beide vom Stallknecht an einem Strick geführt, apathisch, ängstlich, gleichsam traumatisiert. Und doch, im letzten Moment dem Schlachtbeil, dem Kreis der anderen, der totgeweihten Tiere, entronnen. Ich flüstere leise „Harrie“, die Ohren des Esels sofort aufmerksam gespitzt, vielleicht mit einem Hauch von Hoffnung verbunden.

Die Tiere weigern sich indes nicht einen einzigen Moment, den Transporter zu besteigen, der doch nur in eine bessere Zukunft führen kann. Während des Beladens springt nichtsdestotrotz unablässig bellend ein Hund um die Esel herum, dieser allen Anscheins darauf trainiert, die Tiere in den Laster zu scheuchen, um den Verladevorgang – der in der Regel zum Schlachthof führt – möglichst kurz zu gestalten. „Les ậnes ont peur du chien – Die Esel haben Angst vor dem Hund“ ich blicke Delcourt an, welcher aber so tut, als verstünde er meine Worte nicht, stattdessen wendet er seinen Blick sofort in die andere Richtung. Ich aber traue mich nicht, den Hund wegzujagen, bin heilfroh, als der Transporteur die Esel sicher verstaut hatte und die Türe des Transportwagens geschlossen war, unumkehrbar.

Auch Delcourt scheint erleichtert, dass er uns, die Deutschen, les boches, endlich loshatte, mitsamt den beiden Eseln. Schweiß steht ihm auf der Stirn und es ist offensichtlich, dass er die letzten Tage – ob der Sperre des Stalls, die wir unbewusst ausgelöst hatten – wenig Schlaf genossen hatte. Als wir die Wagentüre unseres Autos schließen, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Mein Mann verriegelt indes blitzschnell den Wagen von innen, als wir den Ort verlassen, der uns so viele schlaflose Nächte und Sorgen bereitet hatte.

Wir folgen dem Transporter, der, den Eseln zuliebe, sicher und geschmeidig die Kurven nimmt und das Gefährt langsam in Richtung Brüssel steuert. Nur fort, schnell fort von hier, auf die Autobahn, welche uns zumindest annähernd eine Vorstellung von Sicherheit und Zivilisation – die wir in den letzten Wochen vollkommen verloren geglaubt hatten  – wieder geben soll.

Eine kurze Rast auf der Autobahn, wir trinken schweigend einen Kaffee, mit dem Transporteur, manchmal im Leben bedarf es keiner Worte, ja das Schweigen spricht lauter als es tausend Worte vermögen könnten.

Harrie und Achiel im April – man sieht, dass es ihnen bereits erheblich besser geht – sie sind der Hölle von Ogy entkommen – sie dürfen leben!

All die Pflege, Kosten und Arbeiten mit den beiden Eseln geben diese mit unbeschreiblicher Dankbarkeit und Liebe an die Menschen zurück, die sie befreit haben.

 

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